2015

Selfie

Mal wieder greife ich dieses verwaiste Blog auf und schreibe meinen jährlichen Jahresrückblick. Selbstreflexion ist eine gute und nötige Sache. Sich über das Gedanken machen, was man in diesem Jahr gemacht hat und was passiert ist, etwas Melancholie walten lassen – auch das darf man. Schon seit Jahren finde ich Gefallen daran, mir über mein eigenes Tun zusammenfassend Gedanken zu machen, denn letzten Endes hilft es einem dabei, ein besserer Mensch zu werden – so abgedroschen, wie das auch klingen mag. Und weil ich nun einmal Blogger bin und dementsprechend gerne Texte schreibe, betreibe ich diese Selbstreflexion auch dieses Mal in schriftlicher Form.

Die Welt außerhalb meiner Sichtlinie

Madrid 01

Im Februar war ich für mobiFlip auf einer zweitägigen Reise nach Madrid, um dort bq zu besuchen. Wenngleich das natürlich nicht meine erste Reise ins Ausland war, eröffnete mir speziell diese doch einen anderen Blick aufs Reisen als solches. Insbesondere diese Art der Kurztrips finde ich seitdem unglaublich spannend. Ich mag den Gedanken, sich für einen sehr begrenzten Zeitraum in einer anderen Stadt mit einer vollkommen anderen Lebenskultur zu befinden und dann wieder zu verschwinden. Dieses Einsammeln kurzer und schneller Eindrücke, die dann umso länger im Gedächtnis bleiben und eine ganz eigene Wertschätzung generieren.

Ausgedehntes Reisen ist mir weiterhin zu zeit- und energieintensiv; irgendwann rennst Du nur noch wie ein gestochenes Wildschwein durch die Gegend und bist auf der Suche nach dem nächsten Moment, dem nächsten kurzen Kick, der dann sofort wieder verschwindet, weil er Platz für den nächsten machen muss. In meinen Ohren klingt das auf eine komische Art und Weise pervers, einfach nicht richtig. Stattdessen aber für zwei Tage ohne großes Ziel zu verreisen, einfach die Stadt und Kultur auf sich wirken zu lassen – dieses Kurzzeitreisen hat mich beeindruckt. Vom Mittag bis spät in den Abend am Tag vor dem bq-Meeting durch die Stadt zu schlendern und zu sehen, wie immens lebenserfüllt die Straßen auch in den dunklen Stunden des Tages sind, hat mich auf eine unerwarteterweise sehr erfüllt. Das wiederum will ich in den nächsten Jahren definitiv wiederholen.

Die ausgeglichene Unausgeglichenheit meinerseits

Sowohl im Freundes- als auch Kollegenkreis bin ich für meine extrovertierte Persönlichkeit bekannt. Das macht sich beispielsweise dann bemerkbar, wenn ich jemandem direkt sage, dass ich ihn/sie nicht leiden kann – ob nun bei Twitter oder direkt ins Gesicht. Ich mag Menschen nicht und das hat viele Gründe. Ob es nun bei Facebook ist, wenn sie ihren braunen Dreck verbreiten oder wenn ich mir die Bauerndummheit in meinem Heimatkaff anhören muss. Wenn mir der Kragen platzt, platzt er mir.

Es grenzt an ein Wunder, dass ich in diesem Jahr keine Tastatur zerkloppt habe und auch mein Office-Tisch ist noch immer nicht in zwei Teile zusammengebrochen. Mir ist seit nunmehr drei Jahren bewusst, dass ich vielleicht etwas beruhigter agieren sollte und das nicht nur nach außen hin, sondern auch in mir selbst. Und zum wiederholten Male funktionierte diese Selbstläuterung nicht so wirklich. Immer noch rege ich mich viel zu sehr auf, auch über Kleinigkeiten und es gibt nur wenige Orte und wenige Menschen, die mich mit ihrer bloßen Anwesenheit in einen Zustand der inneren Ruhe versetzen können. Speziell in diesem Jahr, in dem in dieser Gesellschaft so viel schief läuft, habe ich eine starke Dankbarkeit für all das entwickelt.

Angst macht keinen Lärm 2015

Linke Kulturzentren sind beispielsweise solche Orte, über die ich gerade schrieb. Das Conne Island hat mich in diesem Jahr während des „Angt macht keinen Lärm”-Festivals merklich geerdet, auch das Oberhausener Druckluft ist ein Ort, den ich sehr zu schätzen gelernt habe. Insbesondere das Open, eine Musikkneipe in meinem Heimatkaff, ist ein Ort des inneren Rückzuges, an dem ich in guter Umgebung mein Astra genießen kann. Während dieses wirklich beschissene Städtchen sonst fast nur Müll bietet und mir die Menschen gemeinhin immer RTL-reifer vorkommen, ist ein solcher Ort Gold wert für mich, um geistig nicht völlig durchzudrehen.


Dazu passt ebenfalls, dass ich meine Leidenschaft für Konzerte wiedergefunden habe. Warum ich jahrelang kaum auf Konzerte ging, frage ich mich noch immer. Zwischen dem achten KAZ-Open Air in Herne bis Ende November gab es für mich keine Woche ohne mindestens ein Konzert. Es tut gut, für ein paar Stunden Abstand vom Alltag zu bekommen, einfach mal nicht an die üblichen Dinge zu denken, sondern im hier und jetzt zu sein, den Moment zu genießen. Gerade deswegen gehe ich auch gerne alleine auf Konzerte, was für viele Menschen übrigens ein absolutes Unding ist. Ich wiederum verstehe das nicht. Wir haben heutzutage viel zu wenig Zeit für uns selbst und jeder hat offenbar Angst davor, auch nur eine Minute lang Einsamkeit zu empfinden. Dabei verlieren wir unsere Individualität dann in der Masse der Gruppe und verkommen nur noch zu gleichgeschalteten Robotern. Wie gesagt: ich verstehe es nicht und dieses Thema gehört sicherlich in einen eigenen Beitrag.

Tech-Blogging vs. Musik-Blogging oder: Scheiße vs. Geil

Letzter Beitrag

Mein persönlich größter Schritt in diesem Jahr war wohl mein Abschied aus der Tech-Blogosphäre, der sich langsam aber sicher über die letzten Monate hinweg andeutete. Zuerst beendete ich zum 11. Juli meine Wochenendposition bei mobiFlip. Ich war müde und ich hatte keine Lust mehr, über nackte News zu schreiben, wenngleich mobiFlip dafür die wohl angenehmste Stelle in der deutschen Szene ist. Überhaupt ging mir die deutsche Techblogger-Community mehr und mehr nur noch auf den Sack. Letzten Endes verlor ich dann auch den Spaß daran, über Apps zu schreiben, sodass ich AppSpezis einstellte. Ich hatte einfach keinen Drang mehr, jeden Tag nach neuen Apps zu suchen, um diese vorzustellen und anschließend nie wieder zu sehen. Und wenn Du dadurch schlichtweg komplett raus aus der Tech-Szene bist, ergibt es auch keinen Sinn mehr, die eigene Kolumne beim sparmag fortzuführen.

All das nahm ab Anfang diesen Jahres seinen Lauf. Es keimte nach und nach auf, irgendwann wollte ich diesen Irrsinn dann einfach nicht mehr mitmachen. Warum reiße ich mir fürs Tech-Blogging neben meinem Hauptberuf überhaupt den Hintern auf, wenn ich gar keine Lust mehr darauf habe? Wenn ich schon eigene Projekte verfolge, sollen mir diese auch Spaß bereiten und Leidenschaft entfachen. Genau dies habe ich bei noisiv.de wiedergefunden. Es gab für mich deswegen nur diesen einen Schritt meine kompletten Kräfte in dieses eine Projekt zu investieren. Zudem bin ich nach dem ersten Jahr des Relaunches unfassbar stolz auf das Team, jeder einzelne von diesen Menschen hat bei mir eine besondere Stelle im Herzen, obwohl ich so manchen bisher nur ein, zwei Mal persönlich treffen konnte. Komisch, oder? So ist es allerdings.

Eine nette Randnotiz ist zudem, dass ich im Bereich der Musikblogs außerhalb unseres Teams keinen einzigen Musikblogger kenne. Jahrelang verfolgte ich den Gedanken der Bloggervernetzung – nur, um dann zu realisieren, dass Vernetzung unter Bloggern für mich komplett irrelevant ist. Über die Jahre hinweg hat sich lediglich eine kleine Gruppe an Tech-Bloggern gebildet, die mir etwas wert sind. Ansonsten lernst Du zum absoluten Großteil Idioten und/oder Arschlöcher kennen. Tolle Idee, diese Vernetzung unter Bloggern! Es ist, wie im echten Leben: Halte Deinen Freundeskreis klein und dafür innig. In diesem Fall ist es dann eben der Bloggerkreis.

Ein Jahr der Selbstfindung

Noch mehr, als in den vergangen Jahren, habe ich in 2015 Selbstfindung betrieben und insgesamt bin ich sehr dankbar für dieses Jahr, das mir beruflich wie privat viel gegeben hat. Einigen Menschen bin ich sehr dankbar und jene Menschen wissen das auch. Nun steht 2016 ins Haus und es ist das erste Jahr seit langer Zeit, auf das ich mich tatsächlich freue; nicht, weil ich mich auf die vorherigen Jahre nicht freute, sondern weil sie mir egal waren. In diesem Jahr bin ich aus dem Trott ausgebrochen, in den ich eigentlich nie geraten wollte. Umso spannender ist also das, was mir bevorsteht. Dieses Mal stehe ich also mit Freude und Enthusiasmus dem gegenüber, was auf mich zukommen wird. Eine erfrischende Neuerung, wie ich finde.

Metal-Charles